Datengetriebene Mobilitätslösungen:Mit Highspeed zur Mobilitätswende

Mit Highspeed zur Mobilitätswende

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Verfasst von: Leandra Rüpplein, Mobilitätsexpertin bei WAVESTONE & Dr. Isabella Geis, Mobilitätsexpertin bei WAVESTONE

Eines ist unbestritten: Die Zukunft der Mobilität ist digital. Denn mit der Digitalisierung können innovative Konzepte und intelligente Lösungen geschaffen werden, die die Mobilitätswende voranbringen werden. Doch so unterschiedlich die Ansätze auch sind, eines haben sie fast alle gemeinsam: sie brauchen Daten, um zu funktionieren.

Daten in der Mobilität – wo liegt eigentlich das Problem?

Ein Datenmangel herrscht wahrlich nicht. Bereits heute steht eine Vielzahl von Daten aus unterschiedlichen Quellen wie Fahrzeugen, Smartphones oder aus öffentlich zugänglichen Quellen, wie zum Beispiel dem Wetterdienst zur Verfügung. Wo liegt also das Problem? Die Welt der Daten bringt hier drei Herausforderungen mit sich:

  1. Einheitliche Schnittstellen und Datenformate: Es wird stetig besser, aber trotzdem kämpfen Datennutzer heute immer noch mit unterschiedlichen Datenformaten. Diese unterscheiden sich je nach Anbieter, zum Beispiel ÖPNV, Sharing, Fahrzeuge.
  2. Kollaborationsbereitschaft: Daten entfalten ihr volles Potenzial im Ökosystem, also in einem Netzwerk aus Datengeber:innen und -nehmer:innen, die ihr gemeinsames Interesse des Datenaustauschs voranbringen. In der Realität bestehen heute noch immer Datensilos. Diese aufzubrechen gehört zu den großen Herausforderungen.
  3. Nutzenstiftender Einsatz von Daten – oder gewusst wie: Viele Daten zu haben garantiert noch nicht zu wissen, wie diese nutzenstiftend eingesetzt werden können. Nie war der Datenpool so voll wie heute. Und trotzdem steht die Branche erst am Anfang, das Potenzial auszuschöpfen.

Dabei bringen standardisierte Schnittstellen und die Kooperationsbereitschaft, die Daten zu teilen zahlreiche Vorteile mit sich und bilden die Basis für Inter- und Multimodalität sowie für den sinnvollen Einsatz eben dieser. Zunächst einmal können Mobilitätsangebote zeitlich und räumlich aufeinander abgestimmt werden, was für mehr Effizienz sorgt. Zum anderen wird Nutzer:innen eine lückenlose Mobilität ermöglicht, indem einzelne Mobilitätsangebote gebündelt auf Mobilitätsplattformen bereitgestellt werden. Der vereinfachte Zugang zu Mobilität macht öffentlich zugängliche Angebote für Nutzer:innen attraktiver.

Ländliche Regionen als idealer Raum für datengetriebene Mobilitätslösungen

Mobilität aus einer Hand funktioniert in Städten meist schon gut. Hier können Nutzer:innen über diverse Apps verschiedene Mobilitätsangebote wählen und miteinander verknüpfen. In ländlich geprägten Regionen sieht das oft ganz anders aus, denn die Datengrundlage und -qualität der dort ansässigen kleineren Verkehrsunternehmen ist oft schlechter. Außerdem sind die Wege auf dem Land länger, Start und Ziel liegen weiter auseinander und die Nachfrage verteilt sich auf eine viel größere Fläche. Engmaschige Angebote wie in Städten sind hier nicht wirtschaftlich. Ein Angebot für öffentliche Verkehrsmittel gibt es vielerorts nur, weil es dort auch Schüler:innenverkehr gibt. Das heißt aber nicht, dass ländliche Regionen nicht auch zum Zuge kommen, wenn es darum geht, neue Technologien für innovative Mobilitätslösungen auszuprobieren. So zum Beispiel auch Bad Birnbach, eine Marktgemeinde in Niederbayern, wo WAVESTONE und qdive unter der Projektleitung des Fraunhofer-Instituts für Materialfluss und Logistik (IML) und zusammen mit der DB Regio Bus im Forschungsprojekt KI4autoBUS arbeiten. Das Projekt wird vom Bayerischen Staatsministerium für Wirtschaft, Landesentwicklung und Energie (StMWi) im Rahmen der Förderlinie Digitalisierung und im Förderbereich Informations- und Kommunikationstechnik gefördert.

Autonomer On-Demand-Verkehr: Ein Ausflug in das Projekt KI4autoBUS

Wie der Name es schon erahnen lässt: Es geht um künstliche Intelligenz (KI) und (autonome) Busse. Mit KI4autoBUS sollen die in Bad Birnbach eingesetzten autonomen On-Demand-Shuttles der DB mit Hilfe von KI optimiert und so vor allem an die Bedürfnisse von Personen mit eingeschränkter Mobilität angepasst werden. Insgesamt soll damit der On-Demand-Verkehr flexibler und spontaner auf verschiedene Anfragen reagieren können.

Übrigens: Bad Birnbach ist Vorreiter in Sachen autonome Fahrzeuge. Dort fährt bereits seit 2017 der erste autonome Linienbus Deutschlands im öffentlichen Straßenverkehr. Seit Mai 2022 sind noch zwei autonome Shuttles hinzugekommen, die auf Abruf 20 virtuelle Haltestellen in der Gemeinde anfahren und per App oder Telefon buchbar sind.

Haltestelle 1

Mit KI Daten smarter nutzen

KI ist in aller Munde, die Einsatzfähigkeit vielfältig. Doch Grundvoraussetzung zur Verwendung von KI-Technologien sind auch hier Daten. Da das Projekt KI4autoBUS im ländlichen Raum umgesetzt wird, ist es nicht allzu überraschend, dass die Datengrundlage überschaubar ist. Mit KI können die vorhandenen Daten jedoch smart genutzt werden, indem diese „künstlich“ angereichert werden, ohne dabei die Daten zu verfälschen. Die erzeugte, größere Datenmenge ist vor allem für das Training der KI nützlich.

Eines ist klar: Um die Shuttles in Bad Birnbach zu optimieren und auf die Bedarfe der Menschen vor Ort anzupassen, spielen Mobilitätswege eine wichtige Rolle. Es geht also darum zu wissen, von wo nach wo die Menschen in Bad Birnbach unterwegs sind, an welchen Haltestellen besonders häufig Buchungen auftreten, wo sie abgesetzt werden möchten und zu welcher Tageszeit sie sich fortbewegen. Welche Daten könnten darüber besser Auskunft geben als die Buchungsdaten der beiden Shuttles in Bad Birnbach selbst.

Mit KI Daten smarter nutzen

Herausforderung Nr. 1: Die seit Mai 2022 eingesetzten Shuttles liefern zwar Buchungsdaten, jedoch reichen diese nicht aus, um ein KI-Modell darauf zu trainieren – auch wenn die Buchungsdaten seit Projektbeginn stetig mehr werden.
Das führt zu der Frage, wie eine größere Datengrundlage für die KI geschaffen werden kann. Welche alternativen Daten geben Auskunft über die Mobilitätswege? Zur Erweiterung der Datengrundlage wurden deshalb Bewegungsdaten für die Region geprüft. Bewegungsdaten, die zum Beispiel aus dem Mobilfunk oder aus Fahrzeugen gewonnen werden, können ebenfalls Auskunft über Mobilitätswege geben.

Herausforderung Nr. 2: Die geprüften Bewegungsdaten liegen für Bad Birnbach nicht in ausreichender Granularität vor, die für das Training der KI und für die Zielstellung des Projektes erforderlich wäre.
Ein typisches Henne-Ei-Problem also: Die KI braucht Daten in ausreichender Menge und Qualität, der ländliche Raum gibt diese Datenbasis aber nicht her. Wie also kann KI mit wenigen verfügbaren Daten dazu beitragen, On-Demand-Lösungen zu optimieren? Wie kann auch der ländliche Raum vom Einsatz von KI in der Mobilität profitieren? Ein Blick über den Tellerrand lohnt sich. Denn genau Ansätze, die für Problemstellungen wie die des Projektes KI4autoBUS bisher kaum bis gar nicht zum Einsatz kommen, können Antwort auf diese Fragen geben.

Haltestelle 2

Zu wenig Daten? Reinforcement Learning schafft Abhilfe

KI braucht, wie zuvor beschrieben, Daten in ausreichender Menge und Qualität. Für den ländlichen Raum ist das, nicht nur in unserem Projekt, ein Problem. Ein spezieller KI-basierter Ansatz, das sogenannte Reinforcement Learning (RL) kann hier helfen. Denn bei RL wird ein Agent entwickelt, der seine Handlungen durch Interaktion mit einer simulierten Umgebung, die Bad Birnbach ähnelt, erlernt und dabei selbst Daten erzeugt. Diese Handlungen werden in einem bestimmten System hinsichtlich ihrer Effizienz bewertet, sodass der Agent lernt, welche seiner Handlungen „richtig“ sind und diese dann wiederholt. Belohnt wird der Agent zum Beispiel dann, wenn ein Shuttle eine mobilitätseingeschränkte Person vor einer nicht-mobilitätseingeschränkten Person abholt oder er die Shuttles an der richtigen Haltestelle positioniert, weil dort eine Buchung erwartet wird. Bevor die Shuttles also auf die echte Welt „losgelassen“ werden, trainieren sie in einer simulierten Umgebung und üben dort so lange, bis sie das erwünschte Verhalten zeigen.

Je mehr Daten vorhanden sind, desto eher kann die KI auch individuelle Mobilitätsbedarfe vorhersagen und bei der Routenplanung entsprechend berücksichtigen. Wenn also eine Person jeden Tag zur selben Zeit an einer bestimmten Haltestelle abgeholt werden möchte, kann der Agent das schon vorab bei der Routenplanung einkalkulieren. Und wer bei der Buchung angibt, beispielsweise auf einen Rollstuhl oder einen Rollator angewiesen zu sein, wird von der KI priorisiert und vom Shuttle bevorzugt abgeholt. So wird die Wartezeit für diese Reisenden möglichst gering gehalten. Gleichzeitig werden die Shuttles für eine barrierefreie Nutzung umgerüstet. Auf diese Weise wird zukünftig auch den Personen, die aus den verschiedensten Gründen in ihrer Mobilität eingeschränkt sind, eine ganzheitliche Teilhabe ermöglicht.

Reinforcement Learning

Haltestelle 3

Über den Tellerrand hinaus blicken

Das Projekt zeigt, wie Bedarfsorientierung und Wirtschaftlichkeit näher zusammenrücken. Vor allem im ländlichen Raum, wo das ÖPNV-Angebot oftmals dünn ist und der öffentliche Nahverkehr keine echte Alternative zum eigenen Pkw darstellt, kann ein nachfrageorientierter ÖPNV ein echter Gamechanger sein. Dafür müssen Mobilitätsdaten aber in ausreichender Qualität vorliegen und richtig eingesetzt werden. Sie können zum Beispiel bei On-Demand-Angeboten dafür sorgen, dass die Disposition von Fahrzeugen und Personal dynamisch ist und auf Nachfragespitzen oder -täler reagieren kann – vorausgesetzt, dass die Nachfrage vorhergesagt werden kann. Das funktioniert nicht nur bei On-Demand-Verkehren, sondern auch bei sämtlichen anderen Mobilitätsangeboten, die als Ergänzung zum ÖPNV eingesetzt werden können. So können sich Reisende auf ein flexibles Angebot verlassen und Verkehrsunternehmen die Kapazitätsplanung ihrer Flotten und ihres Personals besser steuern. Für ein intelligentes Mobilitätsangebot lohnt es sich also, nach rechts und links zu blicken, um dafür alle relevanten Daten miteinzubeziehen – von Buchungsdaten bis hin zu Bewegungs-, Wetter- und Veranstaltungsdaten.

Eine Spielwiese für neue Technologien – ganz abseits von Ballungsräumen

Neue Technologien gestalten die Mobilität und spielen dabei eine immense Rolle. Ballungszentren bieten Mobilitätsanbietern dafür eine große Spielwiese zum Testen und Ausprobieren neuer Angebote. Aber auch in ländlichen Regionen bietet sich die Chance, neue Technologien auszuprobieren – wie KI4autoBUS deutlich zeigt. Der Einsatz von KI im Zusammenhang mit einer geringen Datengrundlage mag zwar etwas aufwendiger in der Umsetzung sein und bedeutet gegebenenfalls, dass von Standardlösungen abgewichen werden muss, funktionierten tut es aber trotzdem.

Das Potenzial von künstlicher Intelligenz ist noch lange nicht ausgeschöpft. Mit der Entwicklung des KI-Modells für die autonomen Shuttles in der Marktgemeinde Bad Birnbach wurde allerdings ein weiterer Teil des KI-Spektrums genutzt und eine Möglichkeit geschaffen, der geringen Datengrundlage zu trotzen. So können auch ländliche Regionen zukunftsfähig aufgestellt werden. Mit Angeboten, die für mehr Erschließungs- und Angebotsqualität sorgen, sind ländliche Räume plötzlich Teil des großen Ganzen – der Mobilitätswende.

Verfasst von:

Leandra Rüpplein

Mobilitätsexpertin bei WAVESTONE

Leandra Rüpplein beschäftigt sich seit mehreren Jahren mit Mobilitätsthemen. Als Verfechterin nachhaltiger Mobilität bringt sie ihre persönliche Leidenschaft in ihren Berufsalltag ein und begleitet ihre Kunden:Kundinnen mit fachlichem und methodischem Know-how auf ihrem Weg zu einer innovativen, digitalen und nachhaltigen Mobilität.

Dr. Isabella Geis

Mobilitätsexpertin bei WAVESTONE

Dr. Isabella Geis verantwortet das Themenfeld Mobilität bei WAVESTONE. Sie ist seit vielen Jahren als überzeugte Mobilitätsentwicklerin und -innovatorin sowie kompetente Key-Note-Speakerin in diesem Themenfeld tätig. Zuvor war sie für den Aufbau des Bereichs Mobilität des Centers für Logistik und Mobilität am Fraunhofer IML zuständig und promovierte zu smarter Mobilität an der Zeppelin-Universität Friedrichshafen. Sie berät Kommunen, Unternehmen und öffentliche Organisationen zu Mobilitätsinnovationen, – daten und -konzepten sowie zu Transformationsprozessen.

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Dr. Stephan Blankenburg

Dr. Isabella Geis

Associate Partner und Mobilitätsexpertin
isabella.geis@wavestone.eu