Globale Kriminalitätsrisiken im Wandel
Globale Kriminalitätsrisiken im Wandel
Mit dem im April 2025 veröffentlichten Global Financial and Economic Crime Outlook wurde nicht nur eine neue analytische Perspektive auf die Bedrohungslage durch Finanz- und Wirtschaftskriminalität eröffnet. Zudem wurde mit dem Secretariat Economic Crime Index (SECI) auch ein methodisch fundierter, international vergleichbarer Risikokompass vorgelegt. Der SECI bewertet 177 Länder anhand ihrer Anfälligkeit für Geldwäsche, Korruption und organisierte Kriminalität – auf einer Skala von 0 (minimales Risiko) bis 4 (maximales Risiko). Die Einordnung basiert auf aggregierten Daten aus dem Basel AML Index, dem Corruption Perception Index und dem Organized Crime Index. Neu ist dabei insbesondere die Verbindung dieser Daten mit Governance-Indikatoren und makroökonomischen Größen, was die Analyse deutlich anschlussfähiger für strategische und geopolitische Überlegungen macht.
Der Zeitpunkt der Veröffentlichung ist nicht zufällig bedeutsam. Während die Europäische Union regulatorisch aufrüstet – etwa durch die Einführung der neuen Geldwäscheaufsichtsbehörde AMLA in Frankfurt, die Umsetzung der MiCA-Verordnung für Krypto-Assets oder die Fortschreibung der 6. EU-Geldwäscherichtlinie – geht die US-amerikanische Regierung unter Präsident Trump einen entgegengesetzten Weg. Die im Februar 2025 per Executive Order angeordnete 180-tägige Aussetzung der Durchsetzung des Foreign Corrupt Practices Act (FCPA) markiert einen klaren Bruch mit bisherigen internationalen Antikorruptionsstandards. Es ist zu befürchten, dass dadurch nicht nur die extraterritoriale Abschreckungswirkung der US-Gesetzgebung geschwächt wird, sondern auch ein globales Machtvakuum bei der Bekämpfung von Wirtschaftskriminalität entsteht. Dieses Vakuum könnten andere Akteure wie die EU oder das Vereinigte Königreich versuchen, regulatorisch zu füllen.
Der SECI im Überblick
Der SECI ordnet Länder in vier Risikoklassen ein: „Transparent Titans“ (z. B. Finnland, Luxemburg oder Neuseeland) verfügen über robuste Kontroll- und Meldestrukturen, sind hochtransparent und durchsetzungsstark. „Vigilant Players“ wie Deutschland, das Vereinigte Königreich oder die USA zeigen zwar Engagement und Regulierungsdynamik, bleiben aber aufgrund ihrer internationalen Verflechtung und wirtschaftlichen Größe besonders angreifbar. „Reactive Reformers“ – darunter Brasilien, Indien oder Südafrika – weisen deutliche Schwächen in Aufsicht und Strafverfolgung auf, reagieren oft nur auf externen Druck. Und schließlich „Regulatory Laggards“ wie Myanmar, Afghanistan oder Venezuela, in denen wirtschaftskriminelle Aktivitäten tief im Staatsapparat verankert und durch mangelnde internationale Kooperation kaum zu kontrollieren sind.
Für Unternehmen mit internationaler Ausrichtung bietet der SECI einen dringend benötigten datenbasierten Rahmen zur Bewertung länderspezifischer Compliance-Risiken. In Hochrisikomärkten ist mit signifikant höheren Aufwänden für Due Diligence, Transaktionsüberwachung und Third-Party-Management zu rechnen. Besonders betroffen sind Branchen mit hoher Kapitalmobilität, darunter Finanzdienstleister, Energieunternehmen, Rohstoffhandel und die Hightech-Industrie. Doch der SECI stellt auch etablierte Finanzzentren auf den Prüfstand: So verzeichnen etwa Luxemburg oder Singapur trotz starker Governance-Werte relativ hohe Geldwäscherisiken – bedingt durch ihre Rolle als globale Drehscheiben für Kapitalflüsse. Die Erkenntnis daraus: Gute Regierungsführung ist notwendig, aber nicht hinreichend. Auch in gut regulierten Märkten können systemische Verwundbarkeiten bestehen, wenn wirtschaftliche Attraktivität und regulatorische Schlupflöcher aufeinandertreffen.
Europa auf dem Weg zum Regulierungsführer
Bemerkenswert ist die geopolitische Dimension des Reports. In einer Zeit zunehmender Fragmentierung internationaler Ordnung fordert der SECI eine neue Form der regulatorischen Zusammenarbeit. Er unterstreicht, dass wirtschaftskriminelle Netzwerke grenzüberschreitend agieren – und dass ein Rückzug nationaler Behörden aus multilateralen Kooperationen mittelfristig zu einem globalen Risiko wird. Die EU erkennt diese Herausforderung und positioniert sich als Stabilitätsanker. Mit AMLA, MiCA, dem Ausbau der Transparenzregister und neuen ESG-Anforderungen zeigt Brüssel den Anspruch, nicht nur europäische, sondern internationale Standards zu setzen. Diese Entwicklungen könnten langfristig zu einem „europäischen Compliance-Modell“ führen – vorausgesetzt, politische Kohärenz und Durchsetzungskraft bleiben erhalten.
Dem gegenüber steht die US-amerikanische Deregulierung unter der Trump-Regierung, die insbesondere bei Unternehmen mit US-Exposure und globaler Wertschöpfungskette zu erheblichen Unsicherheiten führt. Während sich einige Märkte möglicherweise opportunistisch an die gelockerten US-Regeln anlehnen, wird für viele Unternehmen eine doppelte Regulierungslogik entstehen: strenge Auflagen im EU-Raum, gelockerte Vorgaben in den USA. Diese Asymmetrie erfordert von Compliance- und Risk-Verantwortlichen nicht nur rechtliche Expertise, sondern zunehmend geopolitisches Urteilsvermögen und strategische Steuerungsfähigkeit.
SECI als Werkzeug für Unternehmen und Politik
Im Ergebnis ist der SECI nicht nur ein Frühwarnsystem für ökonomische Kriminalitätsrisiken, sondern ein politisches Instrument, das den globalen Zustand der Finanzmarktintegrität kartiert. Er kann zur Grundlage internationaler Dialoge über Mindeststandards, zur Orientierung bei Investitionsentscheidungen und als Werkzeug der politischen Einflussnahme werden. Für Europa bedeutet er Rückenwind – aber auch Verpflichtung, die Führungsrolle mit Substanz und Diplomatie auszufüllen. Für Unternehmen bedeutet er die Chance, Compliance als strategischen Wertbeitrag zu begreifen – nicht nur zur Risikominimierung, sondern zur Positionierung auf einem sich wandelnden geopolitischen Spielfeld.
